Systemsprenger: Nicht jedes System hat System
Das St. Antonius Krankenhaus in Wissen ist mit diesem Projekt an einer Lösung von Problemen interessiert, die durch Patienten entstehen, die mit einer bestehenden schweren psychischen Erkrankung in die Obdachlosigkeit entlassen werden müssen. Bei Obdachlosigkeit ist die betroffene Verbandsgemeinde für die Bereitstellung einer Unterkunft zuständig. Bei bestehenden gravierenden psychischen Problemen erweist sich die Bereitstellung einer Unterkunft jedoch selten ausreichend. Eine langfristigere Anschlussbetreuung wird hier benötigt.
Aber: Zu trennen sind hier Hilfen der Eingliederungshilfe von Leistungen der Existenzsicherung und sozialarbeiterischen Leistungen bei tieferen persönlichen Ursachen. Auch bei persönlichen Ursachen muss nochmals unterschieden werden, ob es sich um besondere Lebenslagen oder um körperliche, geistige oder seelische Behinderung handelt. Diese Differenzierung gibt vor, welche Leistungsmöglichkeiten bestehen und welcher Träger deren Kosten übernimmt. Übertragen auf den einzelnen Betroffenen ist solch eine Differenzierung nicht realisierbar. Ein extrem theoretisches Konstrukt, oft zum Scheitern verurteilt.
Die GFO Klinik Wissen hat sich nun als Initiator zusammen mit dem Gemeindepsychiatrischen Verbund des Kreises Altenkirchen einem alternativen Lösungsansatz erneut der eben beschrieben Herausforderung gewidmet. Mit der Vereinbarung der Gründung dieses Verbundes hatten sich bereits vor Jahren „alle beteiligten Träger, Organisationen, Institutionen und übrigen Leistungsanbieter verpflichtet, miteinander abgestimmte personenzentrierte und sozialraumbezogene Hilfen anzubieten, um damit gemeinsam das Ziel zu verfolgen, dass alle psychiatrisch hilfebedürftigen BewohnerInnen des Landkreises Altenkirchen gemeindenah Hilfen und Unterstützung erfahren, um somit in Ihrer Region verbleiben zu können.“
Kurzfristiges Ziel ist es für Betroffene ein niederschwelliges, aufsuchendes und unterstützendes Angebot zu erwirken, unter dem Gebot der Menschlichkeit, unabhängig von komplizierten Kostenübernahmen. Langfristiges Ziel ist die gesundheitliche Stabilisierung der Betroffenen so wie eine Reintegration in die Gesellschaft.
Bei der Entlassung eines sogenannten „Systemsprengers“ wird für jeden Einzelfall ein „Runder Tisch“ einberufen, bestehend aus der Chefärztin des Klinkums, der Psychiatriekoordinatorin und der Wohnungslosenhilfe der Caritas Rhein-Sieg. Zunächst wird –falls noch nicht vorhanden- durch die Verbandsgemeinde eine Schweigepflichtsentbindung bei dem Betroffenen eingeholt. Danach erfolgt die Kontaktaufnahme mit dem Ordnungsamt der zuständigen Verbandsgemeinde. Diese gewährleistet zumindest eine Notunterkunft, die an keinerlei Auflagen geknüpft ist. Gleichzeitig erfolgt eine Information an den oben benannten „Runden Tisch“.
Gemeinsam mit dem Betroffenen stimmen diese oben benannten Vertreter der Institutionen einen zunächst niederschwelligen Beratungs- und Betreuungsplan auf, auch eine ambulante medizinische Behandlung wird -wenn erwünscht- angeboten. Es bestehen keine Auflagen wie Konsumfreiheit oder aktive Mitwirkungspflicht am Hilfeprozeß, da eben bislang eben auch diese Bedingungen häufig zum Scheitern führten.
Als Abgrenzung zu anderen Modellprojekten ist es uns wichtig, auf dem sogenannten „kurzen Dienstweg“ zeitnah effektiv zu handeln. Und zwar mit den vorhandenen, teilweise knappen finanziellen und personellen Ressourcen aus den benannten Institutionen. Die GFO Klinik in Wissen stellt dabei zur medizinischen Versorgung vor Ort ein aufsuchendes Team zur Verfügung, welches vom Betroffenen als Option betrachtet werden darf.
Es finden regelmäßige Treffen der beteiligten Mitglieder statt zum Erfahrungsaustausch und weiteren Planung mit Blick auf eine Konkretisierung einer möglichen Fachleistung für den Betroffenen. Selbst bei rigoroser Ablehnung unserer niederschwelligen Hilfsangebote durch den Betroffenen möchten wir durch unsere Anwesenheit Eskalationen vermeiden und Überlebenssicherung gewährleisten.
Wir haben uns gegen eine langwierige Klärung von Zuständigkeiten, Finanzierungen und damit für prompte, zielgerichtete Versorgung entschieden.
Den Gedanken des Gemeindepsychiatrischen Verbundes, nämlich die freiwillige Verpflichtung, miteinander abgestimmte, personenzentrierte und sozialraumzentrierte Hilfen zu schaffen, haben wir in einem ersten Schritt pragmatisch und unkompliziert umgesetzt und somit Menschlichkeit vor Bürokratie und einschränkende Regulatorien platziert. Das Projekt befindet sich in einer Pilotphase und unterläuft einer ständigen Reevaluation.
Über den Träger
Auf der Rahm 17
57537 Wissen
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